Perle in der Sammlung: Ein ruhiges Jahr von System Matters & Avery Alder

Deutscher Verlag: System Matters
Spiel: https://www.system-matters.de/ein-ruhiges-jahr/ (deutsche Version)
Design & Artist: Avery Alder & Ariel Norris
Spieler: 2-4 Spieler
Dauer: ca. 180 Minuten
BGG: https://boardgamegeek.com/boardgame/161880/quiet-year (englische Version)

Das Feuer prasselt im Kamin und der Kessel darüber verbreitet den wohligen Geruch eines Eintopfes. Bei einem schweifenden Blick durch das Fenster, sieht man wie sich Bäume biegen und den Kampf gegen den Wind verlieren. Die verbliebenen Reisenden vermieden es in der heutigen Nacht noch die Wege zu beschreiten. Der Wind klang anders als sonst. Es waren Schritte auf den knarrigen Holzdielen vor der Tür der Taverne zu hören. Aus Gewohnheit blickte er Richtung Tür. Die Schritte verharrten einen Moment vor der Tür bis sich diese langsam öffnete. Ergrautes Haar blitze unter dem Schatten der Kapuze des Mantels hervor. Durch die Stille, fühlte sich das Knistern des Feuers wie Lärm an. Die Blicke schweiften neugierig und wartend, auf den neuen Gast als die Hände die Kapuze langsam zurücklegten. Eine Augenbinde prägte das Gesicht des alten Mannes. Die knittrige und gebrandmarkte Haut ließ vermuten, das es eine andere Vergangenheit war als die der normalen Gäste. Obwohl er offensichtlich blind war, ging er zielstrebig in Richtung des Wirten und krammte zugleich in seiner Tasche. Er hielt inne vor dem Wirten und holte ein Buch hervor und legte es still auf den Tresen. Den Kopf hebend blickte er in sein Gesicht. Die Augenbinde war aus Leine und verkrustet mit Blut und Dreck aus den letzten Jahren. Der alte Mann begann mit einer leisen und tiefen Stimme zu sprechen und zeigte mit den Fingern zum Wirten.
„Sie schmückt mein Gesicht sein Jahren. Ihr müsst wissen das ich von Geburt an blind bin. Aber Euch, Herr Wirt, kann ich deutlich sehen. Ich hörte dies sei ein Ort für besondere Dinge. Seht her werter Herr, diese Chronik ist eine Perle in meiner Sammlung. Für einen Humpen und ein Stück Brot dürft ihr einen Blick hineinwerfen. Sie wird eure Spelunke am prasselnden Feuer mit Geschichten füllen.“ Verstollen grinste der alte Mann und drehte das Buch in seine Richtung.
Der Spelunkenwirt wischte vorsichtig über das Buch und laß in alter Schrift den Namen „Ein rühiges Jahr“.

Ein ruhiges Jahr ist ein „Erzähl- & Malrollenspiel“ mit einer ganz besonderen Mechanik. Nach dem Krieg mit den Schakalen bleibt uns nicht viel Zeit zur Erholung. Es ist genau ein Jahr. Nicht mehr und nicht weniger. Ob zur Erholung oder um sich vorzubereiten. Mit „Hilfe“ des Orakels werden wir durch ein Jahr geführt um eine Welt aus unseren Köpfen zu erschaffen. Jeder Spieler zieht in seinem Zug eine Karte, welche eine Woche repräsentiert, (reguläres Kartenset mit 52 Karten) ließt zu gleich den dazugehörigen Eintrag im Orakel. Dort ergibt sich eine neue Situation oder Handlung für den Spieler. Der Clou ist, dass man nicht als einzelne Person handelt (wie in anderen Rollenspielen), sondern immer nur als gesamte Gemeinschaft. Es gibt klare Regeln für Gespräche und Handlungen in der Spielrunde. Wenn dich etwas nervt oder du eine Handlung/Entscheidung befürworten willst, sind Ärgersteine (will nicht Spoilern) deine Wahl. Nächster Clou ist es, dass alles auf einem Blatt Papier gemalt und festgehalten wird. Und zwar kurz und bündig. Keine Künste erforderlich :). Und so entwickelt sich schneller eine Welt, als man denkt.

Zu Tische waren an diesem Abend:
Roman, der kopfschüttelnd am Tische saß und viele Situationen und Handlungen nicht verstand.
Nell, eine Spielerin mit einer gewissen besonderen Logik und Selbstverständlichkeit in ihrem Handeln.

Wir begannen damit unsere Welt zu erschaffen und malten einen Höhleneingang der in einer Biegung einer Klippe lag, angrenzend an einen Fluss. Die Gemeinschaft bestand aus 40 Menschen unterschiedlichster Klasse und Alter. Unsere Ressourcen wurden gewählt und so begannen wir unseren Wiederaufbau. Angeln gehen und Anbau von Essen sollten unsere Vorräte für die Zukunft sichern. Schnaps war ausreichend vorhanden und somit versuchten wir uns am überleben.

Es dauerte nicht lange bis die ersten Unruhen auf unsere Gemeinschaft zukamen. Fremde versuchten mit uns Kontakt aufzunehmen und so wie es eben ist, vertraut man einfach niemanden in einer postapokalyptischen Welt. Kurzum wurde entschlossen ein Zaun zu errichten um zukünftige Besucher zu unterbinden. Nach einiger Zeit wurden wir auf eine andere Gemeinschaft, in einem Kloster, aufmerksam. Sie war anscheinend dafür bekannt, mit niemanden einen Handel betreiben zu wollen. Natürlich machte sich ein großer Teil der Gemeinschaft auf die Reise und verliesen somit, auf Grund von ethischen Diskussionen und Hierarchien, unsere Gruppe. Unruhen wurden mehr als dann plötzlich Menschen spurlos verschwanden. Es gab auch sehr viele Momente die ich hier nicht beschreiben will 😉

Man rüstete sich mit selbstgebauten Waffen für das Unbekannte. Kaum in Sicherheit gewogen brach eine Krankheit in der Gemeinschaft aus, die zur Folge hatte das man die Kranken aussperrte. Kurz vor dem Chaos, kamen unsere zuvor verreisten Mitglieder wieder zurück und erbaten Einlass. Problem an dieser Sache: Es waren nicht mehr alle. Man kann sich ja ausmalen was passiert ist. Und rundum führte ein Unheil zum nächsten und irgendwann mussten wir unsere Geschichte „beenden“.

Gedanken zum Spiel

Ein ruhiges Jahr schafft es binnen kurzer Zeit, eine Geschichte mit Thematik und Spannung zu erschaffen. Es sticht durch die einzigartigen Mechaniken hervor die, wenn man sie „richtig“ macht, sensationell ineinandergreifen. Im Anschluss eines solchen Spieles, staune ich eigentlich immer wieder, wie wenig eigentlich benötigt um seinen Geist einen freien und schaffenden Lauf zu lassen. Ich muss gestehen, dass sich dieses Spielerlebnis nur schwer in Worte fassen lässt. Ein Versuch es auf den Punkt zu bringen: Es ist auf jeden Fall, einen Abend wert und man muss es gespielt haben. Ein Spiel wo man am Abend im Bett liegt und die vertieften Gedanken einen in den Schlaf begleiten. Ein Eintauchen in diese Welt ist kaum zu verhindern. System Matters liefert immer wieder Schätze (!!!Kleine Reihe!!!) die in keiner Sammlung fehlen dürfen. Man merkt bei den Büchern die Liebe zum Detail und vor allem die Leidenschaft dahinter.

Ich hoffe der kleine Beitrag & Auszug zu einem wirklich ganz besonderen Spiel hat gefallen. Vielleicht konnten wir die Neugier wecken für einen Abend an euren heimischen Tischen.

Alea iacta est, Reisende

Euer Spelunkenwirt
Roman

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